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Marokko 2011

Wir sitzen im Flieger. Heute Morgen war Wecken um 5 Uhr. Kalte Dusche, kein Kaffee. Martin findet mit einer kleinen Schleife schnell den Flughafen und unsere Reise nähert sich ihrem Ende. Michael und ich kämpfen mit unseren blauen Säcken und stellen dann erleichtert fest: Das klappt! Rucksack, Isomatte und Schlafsack passen in die Tüte und die Frau am Schalter zuckt beim 3 kg Übergewicht meines Rucksacks nicht mal mit der Augenbraue. Wir trinken gemeinsam Kaffee, dann folgt Umarmen und Tschüss-Sagen zu Martin und Steffi. Sie haben jetzt noch ein paar Tage Zeit für sich, bevor der blaue Bus wieder nach Hause muss.
Der Flug verläuft bis auf einige kleine Turbulenzen ruhig und dann ist Abschiednehmen von der Gruppe angesagt. Tschüss Ihr alle, wir waren eine gute Marokkocrew!  

Es hat mehr als 30 Jahre gedauert, bis ich mir meinen Traum von der Sahara erfüllt habe und endlich „nach Afrika“ gekommen bin. Vielleicht war es ja auch gut, dass es erst so spät geklappt hat, mit den Jahren kann ich vieles ganz anders wahrnehmen und genießen. Hin und wieder bin ich an meine Grenzen gestoßen, sei es beim Wandern, beim Essen oder bei der Fahrt an steilen Abhängen entlang – es war immer gut für mich. Ich habe Bergformationen gesehen, die ich mir nie hätte träumen lassen. Fand die Dünen in der Sahara vor, wie von der GEO fotografiert. Ich habe Menschen kennengelernt, die mich in ihrer Anmut und natürlichen Fröhlichkeit stark beeindruckt haben, obwohl sie doch in so kargen Verhältnissen leben.

Es ist kurz auf den Punkt gebracht: Ich bereue keine Sekunde dieser Reise. Mein Dank an unser Reiseleitungsteam Martin und Steffi: Ihr wart Klasse, habt (fast) nie die Geduld mit uns verloren, ihr habt genau die richtige Mischung zwischen Professionalität und Spontanität, die diese Art der Reise braucht – bleibt bitte so! Nur das „Regenabschalten“ solltet ihr wirklich noch ein bisschen üben.

Nachtrag: Allen, die diesen Bericht bis hierher gelesen haben und vielleicht Lust bekommen, es auch einmal zu versuchen, hätte ich "amacatravel"  gern empfohlen. Wer unkonventionell reisen will, sich Zeit nimmt und auf das Fremde einlassen kann, war bei Martin und Steffi genau richtig. Leider haben gesetzliche Bestimmungen einige Zeit später dazu geführt, dass sie ihre kleine Firma geschlossen haben. Schade, ich wäre gern noch mal mit ihnen unterwegs gewesen. 

Martin und Steffi wollten uns ja eigentlich wecken, aber ich bin schon deutlich früher wach. 11 Stunden Schlaf sind ja nun wirklich mehr als genug. Allerdings war es unruhiger Schlaf, denn Michael schnarcht (ganz ungewohnt und ein Zeichen für Erkältung), außerdem ist die Matratze stark gewöhnungsbedürftig, mit einem Härtegrad nahe einer Isomatte. Ich ziehe mich an – bin noch sauber vom Hamam – und steige mit der Kamera auf’s Dach. 

Der Suk, den wir heute besuchen, ist wahrlich der Größte dieser Reise und so gar nicht auf Touristen ausgerichtet. Entsprechend neugierig und auch leicht misstrauisch werden wir immer wieder beäugt. Wir treffen auch den ganzen Vormittag nur noch einmal auf touristische Gäste, radfahrende Holländer, die im gleichen Hotel wie wir übernachtet haben. Auf diesem Suk wird all das verkauft, was die Menschen hier so brauchen und sich leisten können. Gleich am Anfang sehen wir am Rande kleine Garküchen und kaufen uns dort einige harte Eier als Frühstückersatz. Neben Obst und Gemüse gibt es alles für Küche und Haushalt, Feld- und Gartenarbeit, für Hausbau und gebrauchte Ersatzteile für Motoren aller Art. An einem Stand entdecke ich Bindfaden, suche mir etwas heraus und gestikuliere die gewünschte Länge. Als ich in die Hosentasche greife, um zu bezahlen, winkt der Verkäufer ab. Ich freue mich, nun haben wir für unsere blauen Plastiksäcke auch die notwendigen Schüre. „Schakran!“

Neben neuer Kleidung und Schuhen gibt es auch viele Stände mit gebrauchten Kleidern, mit Schuhbergen, aus denen mensch sich mühsam die passenden Schuhe heraussucht. Für Ute erstehen wir ein paar rote Schlappen, ihre zu Hause sind gerade kaputt gegangen und für Tabea findet sich noch so ganz nebenbei einen quietschgrünen Satin für ihre Schneiderinnenleidenschaft. In der „Fleischabteilung“ wird mir mal wieder ganz anders, die liegen gelassenen Tierköpfe sind ein gruseliger Anblick, der über allem schwebende Geruch tut sein übriges. Andererseits ist es wohl für uns verwöhnte Europäer mal ganz gut, so deutlich mit der Nase darauf gestoßen zu werden, dass Fleisch halt nicht beim Fleischer wächst und auch nicht nur aus der Tiefkühle kommt. Im Gegensatz zu Midelt – wo die Hühner bei lebendigem Leibe in einer Maschine gerupft werden – wird hier noch Handarbeit geleistet. Schon von fern sehe ich, was dort vor sich geht und möchte einen großen Bogen darum machen. Doch Michael ist interessiert, bleibt stehen und schaut zu. Einer der Schlachter winkt ihn näher, erklärt und zeigt seine Arbeitsschritte. Die Hühner werden gepackt, ihnen wird die Kehle durchschnitten, dann bluten sie aus und werden anschließend gerupft. Unterhalb des Arbeitstisches liegt ein Berg abgeschnittener Hühnerkrallen, der eifrig von Hunden frequentiert wird. Ich bleibe auf Abstand, das ist nicht mein Ding, ein Blick von weitem reicht mir da völlig.

Ziemlich in der Mitte des Suk haben sich drei große LKWs nebeneinander aufgebaut, alle hochgestapelt voll mit Bündeln von Zwiebeln. Hier herrscht – im Gegensatz zum übrigen Geschehen – großes Geschrei. Ich schieße aus der Hüfte ein Foto. Einer der Zwiebelverkäufer gestikuliert, dass er fotografiert werden möchte, ich mache ein „öffentliches“ Foto, da hält er die Hand hin und möchte Bakschisch, na, so nun aber nicht mit mir! Einiges von unserem Kleingeld geht aber auch hier – wie schon vorher vor allem bei den Caskaden – in die Hand von BettlerInnen über. Im Gegensatz zu Deutschland hat Marokko kein Sozialsystem und diese Menschen haben diese kleinen Gesten dringend nötig.

Während wir über den Suk bummeln, fängt es wieder an zu regnen (insgesamt werden wir auf sechs Regentage zurückblicken). Wir umlaufen Pfützen und Matschlöcher, doch dem Treiben auf dem Suk macht der Regen keinen Einhalt. Wir hingegen flüchten in ein kleines Cafe am Straßenrand, wo wir auch Astrid und Karin treffen. Michael wäre wohl auch gern in eine der Garküchen am Rande des Suk gegangen, aber ich traue mich nicht. Bisher haben wir die Reise ohne größere Darmprobleme überstanden, das soll so bleiben. Die vorhin dort gekauften Eier hatten ihre natürliche Verpackung dabei, das wird schon ok sein. Was ich auf dieser Reise an Eiern verdrückt habe, mag ich gar nicht so genau ausrechnen. Aber da ich dem Cholesteringeschwafel der Margarineindustrie eh keinen Glauben schenke, mache ich mir darüber auch keine weiteren Gedanken.
Wir setzen unseren Rundgang über den Suk fort, kommen in einen Bereich, in dem Waren verkauft werden, die bei uns zu Hause wohl nur noch auf dem Sperrmüll landen. Auch hier wird fleißig geschaut, gehandelt und verkauft. Gleich nebenan verkauft jemand neue Türen und Fenstereinsätze aus Metall. Wir kommen an einem Kichererbsenverkäufer vorbei, der vor einem großen dampfenden Topf steht, schauen neugierig in den Karton des Schneckenverkäufers – Schneckensuppe ist eine Spezialität der marokkanischen mobilen Garküchen. Wir streifen an Gewürzständen vorbei, die ihre Ware in offenen Säcken präsentieren. Letztlich entscheide ich mich, doch keine Gewürze zu kaufen, werde also jetzt nie erfahren, wie frisch und aromatisch sie wohl gewesen wären. Lange Reihen Gewürzkräuter hängen aus, der intensive Duft der frischen Minze – Nana - drängelt sich fast überall vor.

Martin ist glücklich, er hat hier in Demnate eine kleine Werkstatt gefunden, die ihm innerhalb von 3 Tagen seinen lang ersehnten Dachgepäckträger zusammenschweißt. Wenn er uns in Marrakesch „losgeworden“ ist, werden die beiden hierher zurückfahren und den Dachgepäckträger abholen. Nachtrag: Martin hat an seine erste Mail an uns nach der Reise ein Foto angehängt: der blaue Bus mit Dachgepäckträger.

Als wir in Richtung Hotel in die Straße einbiegen, sehen wir eine kleine Demo mit ca. 200 Menschen vor uns. Martin kommt mit dem Bus nicht weiter, Michael und ich springen raus und nähern uns vorsichtig dem Demozug – ahnungslos worum es hier wohl geht. Im Laufe des Tages „beschließen“ wir, das war eine 1. Mai-Demo zum internationalen Arbeiterkampftag. Ob wir wohl recht hatten? Im Hotel angekommen, laufe ich schnell aufs Dach um noch ein Foto zu schießen, aber leider versperren mir einige Hütten der hiesigen Gemüseverkäufer die Sicht.

Heute geht es nach Marrakesch. Auf der Fahrt dorthin – 65 km in ca. 1.5 Stunden – verändert sich die Landschaft wieder. Die mageren Getreidefelder machen Obst- und Olivenbaumanpflanzungen Platz, wir sehen Kartoffel- und Gemüsefelder. Die Stadt kündigt sich schon weit im Vorfeld mit großen Roh- und Neubaugebieten an. Viele gleichförmige Häuserreihen versprechen auf großen bunten Reklametafeln „exclusives Wohnen“. Wir durchfahren Marrakesch auf der Suche nach dem Flughafen und einem Hotel in Flughafennähe. Martin möchte die Zentrumsnähe meiden, im Angesicht des Attentats auf dem zentralen Place Jemaa el Fua ein verständlicher Wunsch. Bei dieser Durchfahrt vergleichen wir die beiden Städte Fes und Marrakesch und kommen zu der Überzeugung, dass sie nicht vergleichbar sind. Marrakesch, reich und vergleichsweise modern und trotz Attentat schon wieder sehr touristisch, kommt für uns nicht an das traditionelle, fast mittelalterliche Fes heran. Wie gut, dass wir unsere Reise in Fes begonnen haben. Das war ein guter Einstieg in diese Reise.
Lange suchen wir in den Außenbezirken nach einem Hotel – vergebens. Auch als Martin und Steffi fragen, werden wir immer wieder ins Zentrum von Marrakesch verwiesen. Ich bemerke, dass Martin immer gereizter wird. Das kann ich gut verstehen, mit 6 Reisegästen im Genick ist diese Suche bestimmt keine Reiseleiterfreude. Lange Sucherei, kurzer Sinn: In den Außenbezirken gibt es keine Hotels, fertig!

Also macht Martin kehrt, fährt wieder Richtung Zentrum zurück. Das erste Hotel, das in Frage kommt hat nur noch 4 Betten frei, also weitersuchen. In einer Nebengasse haben Martin und Steffi Erfolg. 3 Dreibettzimmer mit Dusche sind frei. Wir entern das Hotel de Minaret, teilen uns diesmal das Zimmer mit Karin und brechen wenig später „solo“ ins Zentrum auf, das fußläufig in 5 Minuten zu erreichen ist. Also doch mittendrin! Angst kommt bei mir aber nicht auf, die Wahrscheinlichkeit, dass hier und jetzt noch mal was passiert, ist so gering, dass wir sie getrost verdrängen können. Michael und ich marschieren los, probieren aber vorsichtshalber nach drei kleinen Gassen noch mal den Rückweg, damit nichts schiefgeht. Der Stadtplan, den wir aus dem Hotel mitgenommen haben, ist sehr ungenau und wir haben nur eine ungefähre Ahnung, wo sich das Hotel auf dem Plan befindet. Dann geht es Richtung Place Jemaa del Fna durch eine sehr belebte Fußgängerzone, europäischen Standards. Da wir morgens nur 1 Ei und einen Apfel gefrühstückt hatten, wollen wir erst mal was essen. Überall, wo wir stehen bleiben, werden wir von „Checkern“ angesprochen, etwas, das ich so gar nicht leiden kann. Trotzdem nehmen wir so ziemlich den erstbesten, ich habe Hunger und Michael sowieso keine Lust zum Pflastertreten. Eigentlich wäre er viel lieber im Hotel geblieben und hätte an der Rezeption Fußball geguckt. Es gibt – mal wieder – Omlette fromage mit ? (was sich als nicht sehr leckere Wurst herausstellt) und Michael versucht sich an einem mex. Salat, mit wenig Salat, aber viel Käse (mhhh, Gouda, kein Kirikiri), viel Reis und Thunfisch. Warum der als mexikanisch bezeichnet wurde wird uns ewig ein Geheimnis bleiben. Preismäßig war’s ok: Omlette 17 DH, Salat 20 DH.

Nachdem ich MB zum Aufbruch „überredet“ habe, wandern wir die Einkaufsstraße Richtung Zentrum, landen am Place Jemaa el Fna und unser Blick wird sofort auf das zerbombte Cafe gelenkt. Augenscheinlich ist die Bombe im 1. Stock explodiert. Ich zögere, ob ich fotografiere, tue es dann aber doch. Dieses Foto gehört – wie dieses Erlebnis – eben auch zu unserer Reise und es hat sie ja zum Ende hin auch stark beeinflusst. 
Auf dem Place tobt schon wieder das Leben wie wohl eh und je. Um marokkanische Geschichtenerzähler stehen Trauben von durchweg männlichen Zuhörern, Schlangenbeschwörer versuchen Touris auszunehmen, wollen mir oder MB eine Schlange umlegen, aber wir wehren uns lange erfolgreich. Erst später auf dem Rückweg werde ich schwach, fotografiere offen die Schlangen, dann eher unwillig MB mit Schlange und Schlangenbeschwörer am Hals. Ich gebe mein Geld und werde beschimpft – es sei zu wenig! Macht nix, ich bleibe dabei, ein bisschen Nepp mag ja ganz gut sein, aber die Preise bestimme in solchen Situationen ich – und auf unhöflich reagiere auch ich unhöflich. Alles ist uns hier sowieso zu laut und zu aufdringlich. Wir spazieren über den Platz, vorbei an der abgesperrten Unfallstelle, vorbei an aufgestellten Kerzen und Blumen für die Opfer des Attentats.

Kurz darauf geht es in den festen Suk, gewölbeähnlich aufgebaut, aber eigentlich doch nach oben offen und nur mit Latten und Plastik abgedeckt. Insbesondere der vordere Teil ist ausschließlich für Touristen mit dem üblichen Touri-Schnick und Schnack: Schmuck, Schals, Lederwaren, Kitsch und Tand. Vieles von dem haben wir vor allem schon mal an den Wasserfällen gesehen, aber nicht in dieser Fülle und nicht zu diesen Preisen. Wir gehen tiefer in den Suk und werden mit „Safran, Madame“ gelockt. Ich muss wirklich lachen, die halten die Touristen für so blöd, sie wollen mir den gelben Kurkuma als Safran verkaufen! In einer kleinen Ecke finden wir einen ursprünglichen Suk mit gebrauchten Klamotten von Marroks für Marroks. Auf einem kleinen offenen Platz setzen wir uns vor ein kleines Cafe und Michael kann sich vom Pflastertreten ausruhen. Nach dem Kaffee geht es langsam zurück, eigentlich schade, ich wäre noch gern tiefer eingetaucht. Auch hier gibt es Gerberviertel und Handwerker. Aber wir hätten suchen müssen und Michael zeigt sich wenig motiviert. Also wieder zurück zum Place, dort suchen und finden wir die Post, um eine Briefmarke zu kaufen, doch leider schon geschlossen. So wird wohl die einzige Postkarte, die wir verschicken wollten, eine deutsche Briefmarke zieren. (Nachtrag Juni: Sie ist immer noch in meinem Rucksack ;-) Ich möchte noch auf der anderen Seite des Place schauen, was es dort so gibt, kann MB aber nur noch mit Cafe und Sitzen ködern. Wir suchen ein Cafe, sitzen auf der Terrasse und bestaunen die Hektik und das Treiben vor uns.

Abends sind wir wieder mit der Gruppe verabredet. Martin und Steffi haben ein gemeinsames Abschlussessen vorgeschlagen – eine gute Idee. Zusammen gehen wir in ein Restaurant über dem Riad-Hotel, das den Beiden empfohlen wurde. Die Speisekarte ist deutlich reichhaltiger als gewohnt  und leider auch deutlich teurer. Es werden mehr als 10 verschiedene Tagines und Broschettes angeboten. Michael findet seine Lieblingstagine mit Backpflaumen wieder, stellt aber später fest, dass seine erste Tagine in Fes im La Kashba auch die beste der Reise gewesen ist. Insgesamt ist das Essen ok, aber 100 DH pro Tagine sind unseres Erachtens nicht gerechtfertigt. Hartmut und Christian haben sich beim Essen zurückgehalten, sie wollen noch mal auf den Place Jemaa el Fna zurück, um die dortigen Garküchen auszuprobieren. Ich bin da nach wie vor zögerlich, Schneckensuppe und ähnliches, aus der abendlich aufgebauten Garküche ohne fließend Wasser, ne-ne, lieber nicht. Nach dem Essen bummeln wir noch mal über die Fußgängerzone und den Place, der seine Berühmtheit nicht zuletzt dem Treiben am Abend zu verdanken hat. Im Dunkeln leuchten Garküchen und Verkaufsstände. Als ich dort einen langen Hals Richtung aufgebaute Garküchen mache, bleibt mir nichts anderes als mein Vorurteil zu revidieren, hier sieht alles recht hygienisch aus. Die Menschentrauben um Gaukler und Geschichtenerzähler sind noch gewachsen und auf dem Dach eines Restaurants sehen wir einen Feuerspucker, der mit seinem leuchtenden Atem die Nacht erhellt. Auf dem Platz sitzen, recht eng nebeneinander, begnadete und nicht so begnadete Musikanten; hennamalende Frauen; eine Wahrsagerin, die einem Marokkaner gerade die Tarottkarten legt.  In mir klingt noch die Einsamkeit der Berge und der Wüste und so tobt mir hier das Leben einfach zu laut.

Die Nacht im Khaima wird besser als erwartet. Weder fressen mich Mücken, Ameisen oder andere Raubtiere, noch werde ich durch Schnarchen, Schniefen oder Husten anderer geweckt, obwohl wir doch relativ dicht an dicht gelegen haben. Inzwischen sind einige von uns von irgendeinem doofen Virus befallen, der sich je nach Konstitution durch Husten, Schnupfen, Hals- oder Ohrenweh oder auch durch rote Augen auszeichnet. Bis gestern waren Michael und ich noch verschont geblieben, heute hat auch Michael nach Aspirin gefragt – ein schlechtes Zeichen! Das Khaima hat sich als halbwegs dicht erwiesen, nur Martins Rucksack hat etwas von dem nächtlichen Regen abbekommen.

Gut bepackt geht es an den morgendlichen Aufstieg. Die Nacht hat den Wasserfall in einen Schaumfall verwandelt, überall liegen hohe Schaumberge. Wir vermuten eine natürliche Ursache, oberhalb des Wasserfalls gibt es keine Chemieindustrie oder ähnliches und das Wasser hat sich lehmig braun gefärbt. Wir unterbrechen die Treppenkraxeleien noch mal für Omlette fromage und Cafe noir und dann gibt’s keine Ausrede mehr. Hoch geht es die 627 Stufen, minus eine.

Eigentlich hätte heute Marrakesch auf dem Programm gestanden, doch wir haben uns entschieden, dass wir den Marrakeschaufenthalt angesichts des Attentats auf einen Tag verkürzen. Wir haben uns Demnate als Ziel ausgesucht. In meinem Reiseführer nur als Durchgangsort erwähnt, doch Martins Reiseführer verspricht uns für morgen dort einen sehr großen Suk. Während Martin und Steffi für uns ein Hotel suchen (einzelne Reisende bestehen auf Zimmer mit Dusche), bummeln wir durch Demnates Gässchen, die – wie überall – alles über Gebrauchsgeschirr, Brot und Fleisch und dies und das bieten. MB und ich erstehen blaue Plastiksäcke für unsere Rucksäcke, da sich unser Reisegepäck ja doch ziemlich vermehrt hat und wir Schlafsäcke und Isomatten außen anbringen müssen.

Wir beziehen unsere Zimmer im Hotel Atlas und kaum haben wir uns eingerichtet, da klopft Hartmut schon an der Tür. Er hat ein Hamam aufgetrieben und fragt, ob wir Lust haben mitzukommen. Michael hat so gar keine Lust, er hat immer noch das 42°-Hamam in schlechter Erinnerung. Ich bin neugierig, also will ich mit. Zu fünf laufen wir los, kaufen unterwegs Dinge, von denen wir glauben, dass wir sie brauchen: einen Hamamwaschlappen (ganz rau, aua) und ein Eimerchen zum Übergießen. Am Hamam angekommen stellen wir fest, schon der Eingang ist getrennt nach Männlein und Weiblein. Also teilt sich unsere Gruppe. Wir drei Frauen treten ein, zahlen unsere 9 DH Eintritt und stehen ein bisschen unschlüssig herum, weil wir nicht wissen, wie es weitergeht. Wir werden in einen anderen Raum gewinkt, bekommen große Eimer in die Hand gedrückt, die mit einer Nummer beschriftet sind. Im Gegenzug dazu entdecken wir Fächer für die Kleider, wo vorher die Eimer standen. Astrid – die ein bisschen Französisch spricht – fragt nach Massagen. Für 30 DH können wir sie zusätzlich dazu buchen – ahnungslos, was wohl auf uns zukommt. Wir ziehen uns aus – es ist hier üblich, den Slip anzubehalten – und werden von drei Frauen in den nächsten Raum begleitet. Das Licht ist dämmrig, an den Rändern sitzen Frauen und Kinder auf der Erde, seifen sich ein, waschen sich die Haare, plaudern leise miteinander. Für uns wird eine Ecke freigemacht, der Boden mit einigen Eimern Wasser abgespült und uns wird gedeutet, wir mögen uns setzen. Jede von uns wird nun zügig eingeseift und abgespült, indem uns mehrere Eimer Wasser über den Kopf und den Körper geschüttet werden. Wie gut, dass ich mein Duschgel dabei hatte, das reicht gerade so für uns drei. Dann geht es in den Nebenraum. Dort ist der Fußboden beheizt, wir sollen uns hinlegen und werden nun mit dem mitgebrachten rauen Waschlappen abgerieben und zwar kräftig! Schön der Reihe nach: Rücken, linke Seite, Vorderseite, rechte Seite. Wir wissen gar nichts so genau, ob wir lieber jammern (heißer Fußboden und rauer Handschuh) oder lachen sollen. Die Situationskomik siegt: wir sind kräftig am kichern und „unsere“ drei Frauen kichern mit, Lachen ist international. Zum Schluss hin ist mir, als sei von meiner Haut mindestens die Hälfte runtergeschrubbt. Dann geht es wieder in den Nebenraum, wir werden wieder eingeseift, Haare gewaschen, dann bekommen wir ein bisschen Duschgel in die Hand gedrückt und uns wird gedeutet, dass auch unser Initimbereich Seife abbekommen soll, die Mädels schütten ordentlich Wasser hinterher. Fertig! Nach gut einer halben Stunde stehen wir sauber geschrubbt wieder auf der Straße.

Wir entschließen uns noch einen Kaffee trinken zu gehen und werden mal wieder als Rarität bestaunt: Drei Frauen in einem Cafe, skandalös! Hier stelle ich fest, dass mein Hennatotoo, das ich mir am Wasserfall hab malen lassen durch die Schrubberei ziemlich gelitten hat – schade! Zum Essen abends landen wir in einem Minirestaurant mit 2 Tischen, das ausschließlich gebackenen Fisch, gebackenes Gemüse und Pommes im Angebot hat, alles schon kalt, trotzdem erstaunlich lecker, bis auf die kalten Pommes, aber die sind ja eh nicht mein Fall. Wir schlendern weiter durch den Ort, finden einen überdachten festen Suk mit traditionellen Klamotten, Stoffen, Teppichen, Kitsch und mehr. Schon um 19:30 Uhr sind wir wieder im Hotel, Michael nimmt noch Aspirin und pennt wenig später.

In der Nacht fängt es wieder an zu regnen. Als ich nach oben zum Kopfende meiner Isomatte greife, erwische ich meine nasse Fleecejacke. Sch… Der Rest des Innenzelts scheint aber trocken. Erst morgens sehe ich, dass auf Michaels Seite auch die Innenwand nass ist, das Zelt war nicht ausreichend abgespannt. Ich stehe früh auf, lande beim aus dem Zelt krabbeln mit Händen und Knien im Vorzelt in einer Pfütze. Wir haben es anscheinend nicht so mit dem Zelten und dem Regen. Allein sitze ich bei einem Cafe noir in der „Höhle“ und bekomme den Kopf nicht frei. Michael, der nach einer Weile hinzukommt, ist in Gedanken schon beim Rückflug und möchte ihn am liebsten vorverlegen. Die Stimmung ist wie das Wetter, grau und gedrückt.

Zum Frühstück wollten wir nach „Afrika“, die anderen hatten davon gehört und wollten sich anschließen. Wir warten darauf, dass der Regen aufhört und brechen dann auf. Jemand fragt, ob dort auch wirklich offen ist – woher sollen wir das wissen? Der Gang nach „Afrika“ ist nicht schön, wir stampfen durch den Lehmmatsch, es ist glitschig und ungemütlich und als wir ankommen sehen wir, dass es dort a) sehr zu ist und b) sehr nach gestriger Fete aussieht. Eine Gitarre und ein Banjo stehen noch draußen. Wir stehen so rum und beraten, da kommt ein völlig verpennter Marokkaner aus der Hütte, der uns andeutet, wir könnten blieben, er würde sich kümmern. Wir ziehen es allerdings vor, doch zu gehen – so gemütlich wie gestern beim schönen Wetter ist es heute dort „so ganz in grau“ nicht mehr. Also gehen wir doch wieder rüber auf die andere Flussseite Richtung große Treppe. Es bleibt alles beim Alten: Omlette fromage und Cafe noir und zu Michaels Freude entdecken wir ein „europäisches“ Klo.

Nach dem Frühstück geht es die 627 Stufen hoch zum Bus. Auf der Hälfte machen wir halt und Michael lässt sich ein Hennatatoo in Form eines Skorpions aufmalen. Wir holen Lektüre, warme Socken, ich wechsele die Hose. Auf dem Rückweg merke ich meine Muskeln, sie zittern beim Absteigen und mein Ischias meldet sich auch wieder – die Welt ist schlecht! Kurz vor dem Camp fängt es an zu schütten. Wir stellen uns bei einem Händler unter und ich erstehe zwei handgewebte Jäckchen für Lenja und Malte, meine süßen Enkelkinder. Sie sind bestimmt noch viel zu groß, aber sie gefallen mir einfach gut. (Nachtrag: Kommentar meiner Tochter: Die ziehen sie an, wenn ich sie im Waldorfkindergarten anmelde.) Der Händler lädt uns zum Tee ein und wir radebrechen ein bisschen, bis der Regen aufhört.

Dann sitzen wir in der Höhle, es regnet schon wieder. In einem trockenen Moment bekommen wir Besuch von der Affenbande. Diesmal trauen sie sich bis auf die Terasse und Christian füttert sie mit den restlichen Bananen, das ist doch wenigstens etwas artgerechter! Zum Nachmittag hin kommt Martin vorbei und wir besprechen die Übernachtungssituation. Die meisten Zelte sind durch den Dauerregen pitschnass und eingesaut. Wir haben die Wahl: Entweder Khaima oder Zimmer. Selbstverständlich entscheiden sich die meisten für Khaima, wann hat mensch schon mal die Möglichkeit in einem Berberzelt zu übernachten. Nur eine unserer Mitreisenden entscheidet sich für das Zimmer. Sie ist stark erkältet, hat Fieber und sehnt sich nach Ruhe und Wärme. Wir räumen die Zelte aus und nun erkenne ich, warum es nachts so laut neben meinem Ohr gequakt hat. Unter der Zeltplane hat sich ein Krötenpärchen versteckt und schaut nun völlig verdutzt, dass die Deckung weg ist. Gerade scheint einen Moment die Sonne und wir hoffen auf trockene Zelte zum Einpacken. Wir beziehen das Khaima, das mit Matratzen bestückt ist, gerade ausreichend für uns alle, in der Mitte durch einen Vorhang getrennt.

Auf der Terasse hat der Besitzer einen kleinen Tisch mit Fossilien und anderen Steinen eingerichtet. Hier ist eindrucksvoll erkennbar, was der Reiseführer von Martin beschreibt: Achtung bei Fossilien, manche dieser Funde sind hübsch anzusehen, kommen so aber in der Natur nicht vor.

Der Tag bleibt trübe, die Stimmung auch. Wir hocken in der Höhle (Regen) oder auf der Terrasse (kein Regen), lesen, frieren oder schlafen. Zum Abend hin raffen wir uns noch mal auf. Die doch noch trocken gewordenen Zelte werden zusammengepackt und wir bringen sie schon mal hoch zum Bus, dann müssen wir morgen früh weniger tragen.