Am 12. September DIE LINKE in den Rat von Langenhagen wählen!

 

 

Schnell ist die Nacht vorbei, unsere GastgeberInnen sind früh auf und ziemlich laut dabei. Gegen 7:00 Uhr stehen auch unsere letzten Schlafmützen - zu denen auch ich gehöre - auf, packen alles zusammen, denn der Raum wird ja wieder gebraucht. Zum Frühstück gibt es süßen Tee, Fladenbrot und Sit. Nach dem Frühstück sollen wir die Mine unseres Gastgebers besichtigen, ich bin sehr neugierig. Astrid verabschiedet sich noch mal schnell zum fotografieren. Da es hoch in die Berge geht, ist noch mal Schuhwechsel angesagt und wir gehen kurz zum Bus runter. Aufgehalten werden wir von einer großen Ziegenherde, die vor uns über die Zugbrücke in unsere Richtung wechselt. Um die Tiere nicht zu verscheuchen, warten wir in angemessenem Abstand.

Der Hirte treibt immer wieder kleine Gruppen über die Hängebrücke, so allein trauen sich die Ziegen wohl nicht. Erst nachdem mehr als die Hälfte das andere Ufer erreicht hat, geht es mit einem Mal von selbst. Der Herdentrieb stärkt den Mut – das sieht mensch ja auch manchmal bei den Menschen. Als wir wieder zurück kommen, ist Astrid immer noch nicht wieder da. Langsam beginnen wir uns Sorgen zu machen. Uns wird bedeutet, der Neffe sei mit Astrid schon mal vorgegangen. Quidel und sein Freund führen uns in die steinigen, baumlosen Felsen. Wir steigen auf schmalem Pfad leicht bergan und erreichen nach einigen Biegungen die kleine Kochstelle der Männer, die aus einem alten Blechpott und einem Gasbrenner in einer Felsennische besteht. Von hier aus ist es nicht mehr weit bis zu einem Loch in dem Felsen, dem Eingang zur Mine. Es ist dort so eng, dass immer nur eineR zum Gucken einsteigen kann, erst nach einigen Metern wird es breiter, ein Stück blindes Gestein, dann sichtbar funkelnde Mineralienbänder im Gestein. Richtig aufrechtstehen kann mensch nur an einigen Stellen. Es ist ein sehr mühsames und gewiss auch gefährliches Geschäft für die beiden Männer, die hier hauptsächlich Achate suchen.

Astrid bleibt weiter vermisst. Quidel läuft noch ein Stück den Berg hoch, um nach ihr zu schauen. Doch wir treffen sie erst auf dem Rückweg. Sie hat mit dem Neffen die exclusive Führung erhalten, hat weitere größere Minen gezeigt bekommen, sollte noch mit in ein Berberzelt, was sie aber dann doch lieber abgelehnt hat. Sie ist ziemlich geschafft, der junge Mann hatte ein kräftiges Tempo vorgelegt.

Zurück bei unseren GastgeberInnen müssen wir feststellen, dass Melida schon wieder am Kochen ist, zwischenzeitlich backt sie draußen in einem kleinen Verschlag mit Holzofen ihr Fladenbrot. Am Morgen hatten wir ihr noch zugesehen, wie sie auf dem Boden kniend den Teig in einer flachen Holzschüssel geknetet hat. Eigentlich sieht unser Zeitplan ein Essen nicht mehr vor. Wir hatten auch versucht dies zu kommunizieren - wohl vergebens - aber eine Ablehnung kommt natürlich nicht in Frage. 

Da es mit dem Essen erfahrungsgemäß noch dauert, fährt uns Martin hoch in eine Siedlung, die extra für die damaligen Minenarbeiter gebaut wurde und heute vollständig verlassen scheint. Doch Astrid erzählt, sie habe erfahren, dass hier auch immer wieder Menschen leben. Für uns sieht das alles ziemlich unbewohnbar aus, alle Häuser kaputt, selbst die Moschee ist ausgeräumt und verlassen, selbst die Leiter zum Minarett teilweise kaputt. Einige von uns trauen sich trotzdem die Holzstiegen hinauf. Michael und ich sind heute lauffaul, wir schauen einmal in die Moschee, suchen uns dann ein ruhiges Fleckchen am Straßenrand auf einem Stein. Michael ist in zwei Minuten eingeschlafen und ich schreibe – wie in jeder freien Minute – an meinem Reisetagebuch.

Heute gibt es bei Melida Gemüse, das wie gestern mit den Händen gegessen wird. Wieder bekomme ich die Möhren zugeschoben, da hat sich aber jemand was gemerkt. Das Gemüse wird mit Brot gegriffen und dann in den Mund transportiert. Anschließend kommt Melida mit einem Topf Fleisch in Rollen, das sie in Scheiben schneidet und jedem anbietet. Die äußere Schicht sieht nach Lederbändern aus, es könnte aber auch „was auch immer“ sein. Meine Experimentierfreude hält sich bei Fleisch sehr in Grenzen und ich bedeute „satt“, ich hoffe, es wird nicht als unhöflich betrachtet. Michael nimmt sein Stück, steckt es am Stück in den Mund und hat ausnehmend gut mit Kauen zu tun. Andere versuchen es mit auseinander nehmen, Steffi fragt, ob die äußere Schicht essbar sei, Melida nickt, aber ich glaube, so ganz hat sie die Frage nicht verstanden. Unsere Gastgeber langen jedenfalls gern zu. Und aus der Gruppe wird von den Mutigen übereinstimmend festgestellt: in der Mitte hat es nicht geschmeckt, das Äußere war zwar zäh, hatte aber Rindfleischgeschmack und war in kleinen Stückchen durchaus genießbar. … und was es nun wirklich war, werden wir wohl nie erfahren.

Nach dem Essen geht es an die Verabschiedung. Alle umarmen alle und es stimmt mich ein bisschen traurig, dass ich diese fröhlichen gastfreundlichen und toleranten Menschen nie wieder sehen werde. Insbesondere diese Reisestation wird mir gewiss immer in Erinnerung bleiben und hat auch „was bewirkt“. Sie hat es geschafft, meine Prioritäten wieder gerader zu rücken, die Erinnerung an diese Menschen wird mir hoffentlich noch lange helfen, wirklich Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, bei kleinen und größeren Unbequemlichkeiten oder Schicksalsschlägen gelassener zu reagieren – in welchem Überfluss leben wir, meist ohne es zu bemerken und zu schätzen.

Wir fahren zurück, es geht durch die verlassene Minenstadt, dort fassen Steffi und Martin noch mal Wasser für alle. Wir bummeln zu Fuß den Fluss entlang und ich nutze die freien Minuten in der Sonne sitzend etwas Tagebuch zu schreiben. Dazu ist immer zu wenig Zeit und ich bin oft mehr als einen Tag hinterher. An mir vorbei treibt eine alte Frau in bunter Kleidung eine große Herde Ziegen, selbstverständlich eine Berberin, sie sind so viel selbstbewusster und auch selbstständiger als die Araberinnen und haben auch deutlich mehr Rechte. So können sie sich beispielsweise scheiden lassen, haben oft über Haus und Hof zu bestimmen und werden auch in der Erbfolge berücksichtigt.

Die Fahrt geht zurück Richtung Midelt durch die karge steppenähnliche Ebene. Von hier aus steigt die Straße aus der kargen Hochebene Plaine des Arid in den Hohen Atlas. Wir erreichen den Marktort Rich, der lange Zeit der erste Ort nach 5 tägiger Kamelreise durch die Wüste war. Er ist heute Anlaufpunkt auch für Franzosen und Spanier, die mit ihren vier- und zweirädrigen Männer-Spielzeugen auf dem Weg in die Sanddünen der Sahara sind, um dort mit viel Krach und PS durch den Sand zu donnern (können sie derzeit in dem noch „wüstigeren“ Libyen nicht). Heute fahren wir nur durch Rich noch ein Stückchen in Richtung Hoher Atlas. Irgendwann biegen wir von der asphaltierten Straße auf eine schmale Piste um einen Platz für unsere Zelte zu suchen. Und es erweist sich als nicht einfach, hier auf dieser steinigen Ebene. Christian formuliert den Anspruch an Holz für ein Lagerfeuer, aber das sieht nicht so aus, als könnten wir da viel finden. Ein erster Platz wird wieder verworfen, wir fahren noch weiter in Richtung Gebirgskette. Dann erreichen wir ein kleines Plateau, hier wollen wir bleiben. Um die Zelte aufbauen zu können, müssen noch reichlich Steine weggeschoben werden und in der Nacht stelle ich fest, dass wir an einer Stelle geschlampt haben. AUA!
Mitten im Zeltaufbau erleben wir einen spektakulären Sonnenuntergang und als habe jemand das Drehbuch extra für uns dazu geschrieben, kommt auch noch eine kleine Eselkarawane vorbei, das Bild ist perfekt.

Der Abend endet windig und kalt. Wir sitzen gedrängt im Bus, trinken Tee und Gin-Tonic und dann geht’s ab ins Zelt. Für mich wird es eine sehr unruhige Nacht, der Wind zerrt an den Zeltplanen und gibt keine Ruhe.